13. Spurensuche 2008 - Rückschau Bookmark and Share Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

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Paulus und die starken Frauen 

Von KNA-Volontär Klaus Nelißen

„No Foto, No Foto!" Die weißhaarige Thessalonikierin wird rüstig. Sie schnellt von ihrem Holzstuhl am Eingang der Kapelle des Seligen David. Sie eilt in den Kirchraum. Kekskrümel springen von ihrem schwarzen Gewand, das Witwen in Griechenland noch traditionell tragen. „No Foto!" Die Wächterin über die etwas rumpelige Kapelle ermahnt die Teilnehmer der ifp-Spurensuche. Diejenigen, die sich trotz der Einschüchterungen trauen, klicken schnell Richtung Apsis und haben eine der frühesten Christus-Darstellungen Griechenlands in Pixel gebannt: Auf dem Mosaik des späten 5. Jahrhundert thront Jesus auf dem Regenbogen - beeindruckend jugendlich und präsent.

hosios_david_72dpi.jpg Angesichts des Bilderverbots der strikten Witwe versagen alle Beteuerungen von Reiseleiterin Soula Chatzimichail an die ifp-Gruppe, Frauen spielten in Griechenlands Kirche keine aktive Rolle. Mehr noch: Eine griechische Spurensuche nach dem Völkerapostel Paulus, wie sie die 16 Teilnehmer in der Karwoche unternahmen, kommt an starken Frauen nicht vorbei.

Das beginnt im nordgriechischen Philippi. Dort erinnert die Taufkirche der Heiligen Lydia an die erste Europäerin, die von Paulus getauft wurde. Auf goldunterlegtem Ikonengrund winkt Lydia den Gläubigen im Vorraum der Kirche zu. Sie trägt Lippenstift und Ohrringe - ganz schön sinnlich für eine Heilige. Lydia war Purpurhändlerin. Sie handelte mit dem Stoff, der damals Senatoren und Priestern vorbehalten war. Sie wusste, was kostbar ist.

Damals sprach zwar noch keiner vor Europa. Philippi war eine Festungsstadt in Roms Provinz Makedonien, dennoch beschreibt Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, den Weg des Apostels hierher mit einer besonderen dramaturgischen Wegmarke. Im Traum erfährt Paulus den Ruf eines Mannes: „Komm herüber nach Makedonien!" Zu Philippi muss Paulus eine besondere emotionale Beziehung gehabt haben. An keine andere Gemeinde schreibt er so freundschaftlich, ja liebevoll wie im Philipperbrief.

Heute birgt die Stadt nur wenige archäologische Zeugnisse aus dieser Zeit der frühen Christen - was man besichtigt, das römische Forum, frühbyzantische Kirchen und das Theater, ist jünger. Dagegen übergeht man die spektakulärsten Paulus-Zeugen allzu leicht: alte Steinplatten. Sie gehören zur antiken Via Egnetia.

Rauf und runter lief Paulus die Römerstraßen auf seinen Missionsreisen im 5. Jahrzehnt nach Christi Geburt. Heute liegt sie in Philippi direkt unterhalb der geteerten Straße am Grabungsgelände. Die Verbreitung des Christentums sei ohne das antike Straßennetz undenkbar, wird Pater Roger Gerhardy während seiner abendlichen Bus-Reflexionen nicht müde zu betonen. Wenn man mit dem Reisebus auf Griechenlands Autobahnen gemütlich gefahren wird - gesetzt den Fall, der Busfahrer donnert gerade nicht über Gebirgs-Serpentinen - und die Überreste dieser alten Straßen streift, begreift man die Distanzen, die Paulus zu Fuß hinter sich legte. Der gelernte Zeltmacher aus Tarsus muss eine Energie gehabt haben, von denen jeder Normalsterbliche sich eine Scheibe hätte abschneiden können: Schätzungen gehen von rund 10.000 km Landstraße, die er hinter sich brachte.

Die modernen Straßen werden gesäumt von kleinen Heiligenhäuschen für Unfallopfer. „Ikonostasien" sind hier präsent wie in Deutschland Notrufsäulen. Mit ihren Heiligen-Ikonen und Kerzen sind diese Minikirchen, die in keinem Gartencenter längs der Straßen fehlen, Zeugen des religiösen Griechenlands von heute. 97 Prozent der Bevölkerung sind griechisch-orthodox. Allein über 460 Kirchen aus der byzantinischen Zeit birgt Thessaloniki, an deren Gemeinde der älteste erhaltene Paulus-Brief ging. Die Fahne des alten Byzantinischen Reichs weht an vielen Bauten der Orthodoxie. Und von Istanbul spreche hier niemand, nur von Konstantinopel, erklärt Reiseleiterin Soula.

Die vielleicht größten Schätze birgt die Orthodoxie in ihren Klöstern. Spektakulär hängen die Meteora-Klöster östlich des Pindos-Gebirges an den Felsen, irgendwo zwischen Himmel und Erde. Auch hier treffen die ifp-Spurensucher auf starke Frauen. Das Kloster Agios Stephanos ist eines von sechs noch bewohnten Klöstern, einst waren es 24. Seit 1961 wohnen hier orthodoxe Nonnen. An der Pforte sitzt eine schwarz verschleierte Schwester und parliert im besten amerikanischen Slang am Telefon - von wegen weltabgewandte Betmütterchen. Die rund 30 meist jungen Nonnen haben die Klosteranlage aus dem 14. Jahrhundert wieder auf Vordermann gebracht.

Die Kirche strahlt durch das Gold der neuen Ikonenmalereien. Ähnlich der Witwe in Thessaloniki wachen hier die Schwestern mit strengem Bilder- bzw. Fotografieverbot - um dann milde lächelnd ihre Postkarten im gut sortierten Andenkenladen zu verkaufen. In einem Bilderfluss ergießen sich im Kirchen-Inneren die Heiligenabbildungen von Christus im Kuppelrund bis zu den Ortsheiligen, deren Füße an den Lehnen des hölzernen Chorgestühls enden, das den achteckigen Kirchraum umsäumt. Das farbenreiche Bildprogramm vermittelt ergreifend die „Gemeinschaft der Heiligen", von der auch die westliche Liturgie spricht, wenn der Priester zum Sanctus, zum Hochgesang auf die Herrlichkeit Gottes anstimmt.

pantokrator_72dpi_200.jpgNicht minder beeindruckend wie die Meteora-Klöster ist das Kloster des Seligen Lukas, auf dem Weg nach Korinth. Die Kirchenanlage aus dem zehnten Jahrhundert liegt in einem fruchtbaren Tal, Blumen blühen und die Luft scheint würziger zu sein als anderswo. Berühmt ist der Thymian-Honig der Mönche. Der Bienenstock befindet sich im Kirchturm. Mit Thymianduft in der Nase - ohne Weihrauch und Kirchdach, dafür mit Blick auf satte Wiesen - feiert die ifp-Gruppe im Garten des Klosters die Gründonnerstagsliturgie, bevor sie die Kirchen besichtigt. Im Vorraum der Hauptkirche finden sich seltene Bild-Programme, sogar ein Mosaik der Fußwaschung Jesu bei Letzten Abendmahl. Soula macht auf den Zugang zur Kirche aufmerksam. Dieser geschieht durch eine marmorne Tür, die den Körper Jesu einfasst. Christus schaut vom oberen Türrahmen als Pantokrator, Weltenherrscher, (unser Foto) und verdeutlicht das Bibel-Wort: "Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden."

Den größten Zugang zum Schaffen des Paulus in Griechenland vermittelt Korinth. Hier gründete er eine lebendige Gemeinde, die ihm aber auch viel Kummer bereitete - davon zeugen die Korintherbriefe. Korinth barg alle Laster einer durchschnittlichen römischen Großstadt. Soula weist beim Gang durch die Ausgrabungen am Karfreitag auf die am Berg liegende Akropolis. Im dortigen Aphroditetempel sollen bis zu 1.500 „Liebesdienerinnen" gelebt haben. Doch Christen denken bei Korinth zunächst an das paulinische Liebes-Gedicht aus dem Korintherbrief, und nicht so sehr an den Lasterkatalog, den er den Korinthern schrieb. In Korinth wirkte Paulus 18 Monate. Eine Frau namens Priscilla und ihr Mann Aquila nahmen ihn auf und gaben dem gelernten Zeltmacher Arbeit in ihrem Leder-Betrieb. Paulus konnte zupacken. Im ersten Thessalonicherbrief, den er um 50 n. Chr. in Korinth verfasste, beschreibt er, wie schwer er Tag und Nacht in Korinth schuftete. Theologe, Missionar und Briefeschreiber war Paulus in seiner Freizeit.

Eine spektakuläre archäologische Spur deutet in Korinth darauf hin, dass der Theologe im Nebenberuf tatsächlich Menschen zum Glauben gewann, besonders unter den Nicht-Juden. Beim antiken Theater finden sich Überreste einer großformatigen Inschrift eines leitenden Beamten der Stadtverwaltung namens Erastus. Im Brief an die Römer lässt Paulus um 56 n. Chr. aus Korinth von diesem „Stadtkämmerer Erastus" an den Tiber grüßen. Die Inschrift, die heute ohne einen besonderen Hinweis auf dem Ausgrabungsgelände verborgen ist, ist das einzige bekannte Monument, das einen der von Paulus genannten Christen in Stein verewigt.

Die letzte Station der ifp-Spurensuche nach Paulus in Griechenland führt zu einem brüchigen Felsen, dem alten Areopag in Athen. Von hier aus fällt der Blick auf die nahe Akropolis. Paulus hatte ihn auch, so oder so ähnlich. Im Angesicht der Akropolis predigte Paulus den umherstehenden Athenern laut der Apostelgeschichte: „Der Herr des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind." Lukas lässt Paulus in dieser legendären Rede wie einen Gelehrten erscheinen, der es argumentativ auch mit den Philosophen der Stoa aufnehmen konnte. Erst als er von der Auferstehung predigte, sollen einige Athener abgewunken haben: „Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören." Diese Griechen hatte Paulus anscheinlich nicht gewonnen.

akropolis_nachts_72_dpi_300 Auf der Akropolis steht der berühmte Tempel der Stadtgöttin Pallas Athena. Der griechische Name „Parthenon" stammt vom griechischen Wort für Jungfrau. Soula berichtet der ifp-Gruppe, dass Athen in seiner frühesten Zeit ein Matriarchat war. Von der tragenden Rolle der Athenerinnen zeugen auch sechs übergroßen marmornen Frauen am Erechteion-Tempel, gegenüber des Parthenons. Scheinbar mit Leichtigkeit stemmen die Koren die Apsis eines Vorbaus des Tempels auf ihren Köpfen.

Am Ende der Spurensuche, nachdem die Teilnehmer beim Sich-Treibenlassen durch die Metropole Athen in der Freizeit den antiken Staub schon etwas abgestreift haben, beginnt der letzte Morgen am Ostersonntag um fünf auf dem Balkon des Hotels. Mit Blick auf die nichterleuchtete Akropolis, im Kerzenschein wird der Auferstehungsbericht gelesen. Frauen kommen zum leeren Grab...starke Frauen.

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