Totale Transparenz

"Totale Transparenz. Wie Wikileaks die Gesellschaft verändert" war das Thema der Podiumsdiskussion am 22. Februar 2011 in der Reihe "ifp im Gespräch". Mitchell Moss, Presseattaché der amerikanischen Botschaft in Berlin; Dr. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutsche Zeitung; Dr. Gregor Peter Schmitz, Washington-Korrespondent des Spiegels; Guido Strack, Vorsitzender des Whistleblower Netzwerk e.V. in Köln. Moderation: Claudia Schick (BR, Report München). Einige Fotos und Zitate von der Veranstaltung:
Über die Diskussion berichtet Benedikt Peters, Stipendiatenjahrgang 2011:
Wikileaks-Enthüllungen mahnen US-Diplomatie zur Vorsicht
Die Veröffentlichung geheimer US-Depeschen durch die Internetplattform Wikileaks hat die diplomatische Praxis der Vereinigten Staaten verändert. „Man denkt viel mehr nach, bevor man Namen nennt", sagte der amerikanische Diplomat Mitchell Moss am Dienstag in München. Außerdem gebe es deutlich weniger schriftliche Berichte über ausländische Politiker als bisher, berichtete der Presseattaché der Amerikanischen Botschaft in Berlin, der auf Einladung des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses mit den Journalisten Gregor Schmitz und Heribert Prantl sowie dem Experten Guido Strack diskutierte.
Im November hatte Wikileaks mehr als eine Viertelmillion geheime Depeschen der USA bekanntgemacht, in denen zahlreiche internationale Regierungsvertreter abfällig beurteilt wurden, darunter die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle. Es sei die Schuld der US-Regierung, dass es zur Veröffentlichung der peinlichen Dokumente gekommen sei. „Wir sind in ein Fettnäpfchen getreten, das tut weh, das ist nicht schön", räumte der US-Diplomat ein.
Als Erfolg bezeichnete hingegen der Washington-Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel", Gregor Schmitz, die Veröffentlichungen der geheimen Dokumente. Die Informanten von Wikileaks dürften jedoch nicht zu Schaden kommen, forderte der an der Erstauswertung der Depeschen beteiligte Journalist. Diese Meinung vertrat auch Guido Strack. Der Netzwerk-Vorsitzende sprach sich für einen höheren Schutz von „Whistleblowern" aus, also von solchen Personen, die Missstände in Regierungen, Unternehmen oder Organisationen öffentlich machen. Sie müssten genauso sicher vor Strafverfolgung sein wie Journalisten, forderte Strack. Dies befürwortete auch Heribert Prantl, Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung. US-Diplomat Moss wandte sich jedoch gegen intensivere Schutzmaßnahmen. Im Hinblick auf den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning sagte der Politiker: „Er sitzt im Gefängnis, wo er auch sein soll."
Es diskutierten:
Mitchell Moss, Presseattaché der amerikanischen Botschaft, Berlin
Er sagte bei "ifp im Gespräch": „Wir haben Gesetze. Entweder hat er was gemacht, was gesetzwidrig ist, wofür er angeklagt werden kann. Aber ich glaube nicht, dass ein schwacher Fakt gegen Assange hervorgebracht wird. Denn es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn es den Anschein hätte, dass wir etwas Politisches daraus machen."
Mitchell Moss ist seit August 2010 Presseattaché der Amerikanischen Botschaft, nachdem er zuvor zwei Jahre als stellvertretender Presseattaché tätig war. Bevor er seinen Posten in Berlin antrat, war er stellvertretender Leiter der Presse- und Kulturabteilung der Amerikanischen Botschaft in Kabul (Afghanistan). Weitere Stationen seiner diplomatischen Laufbahn waren Lilongwe (Malawi), Buenos Aires (Argentinien) und Abuja (Nigeria). Vor seinem Eintritt in den auswärtigen Dienst im Jahr 1999 arbeitete Mitchell Moss als Rechtsanwalt in Asheville (North Carolina). Er schloss sein Studium der englischen Literatur und Philosophie an der Loyola University in New Orleans mit einem B.A. ab. Darüber hinaus erlangte er den Master of Fine Arts des Iowa Writers' Workshop der University of Iowa in Belletristik und promovierte an der Tulane University in New Orleans in Rechtswissenschaften.
Dr. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutsche Zeitung, München
Er sagte bei "ifp im Gespräch": „Ich sehe eigentlich eine unserer wichtigen Aufgaben darin, dass wir als Süddeutsche auch so etwas aufbauen wie Wikileaks, dass wir sozusagen einen digitalen toten Briefkasten haben."
Geboren 1953 in Nittenau/Oberpfalz, Dr. jur. Honorarprofessur an der juristischen Fakultät der Universität Bielefeld, Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie, parallel zum Studium journalistische Ausbildung am ifp. Promotion im Urheber-, Wettbewerbs- und Persönlichkeitsrecht („Die Information als Rechtsobjekt“). Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Zivilrecht und Familienrecht. Dann Staatsanwalt, Richter und Justizpressesprecher in Bayern. Seit 1988 Redakteur, rechtpolitischer Kommentator und politischer Leitartikler der Süddeutschen Zeitung. Seit 1998 Chef der innenpolitischen Redaktion dieser Zeitung jüngst auch Mitglied der Chefredaktion. Viele Preise und Auszeichnungen: Geschwister-Scholl-Preis 1994, Kurt-Tucholsky-Preis 1996, Erich-Fromm-Preis 2006, Cicero-Redner-Preis 2010.
Dr. Gregor Peter Schmitz, Washington-Korrespondent des Spiegels
Er sagte bei "ifp im Gespräch": „Ich glaube jeder Journalist, der auch nur eine Depesche aus diesem Gesamtpaket gehabt hätte - auch die Süddeutsche Zeitung, auch der Tagesspiegel oder die FAZ oder andere, die sich sehr kritisch geäußert haben - hätte das sofort auf die Titelseite gestellt."
Jahrgang 1975, Jurist und Politikwissenschaftler. Nach dem Jurastudium in Paris und München Graduiertenabschlüsse an der Cambridge University, England, (MPhil) sowie als McCloy-Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Harvard University, USA (MPA). Studienbegleitende Journalistenausbildung beim ifp (Stipendiatenjahrgang 1996). Schmitz ist seit 2007 USA-Korrespondent und war Mitglied des WikiLeaks-Rechercheteams des SPIEGEL. Für seine Berichterstattung wurde er mit dem Arthur F. Burns-Preis ausgezeichnet. Er ist auch regelmäßiger Kommentator für den Deutschlandfunk. Vorherige berufliche Erfahrung unter anderem als Leiter des Brüsseler Büros der Bertelsmann Stiftung.
Guido Strack, Vorsitzender des Whistleblower Netzwerk e.V. in Köln
Er sagte bei "ifp im Gespräch": „Für mich gibt es eigentlich keinen Unterschied zum klassischen Journalismus. (...) Und da gibt es eine Gruppe von Journalisten, die privilegiert werden, indem sie Informantenschutz haben, indem sie Zeugnisverweigerungsrecht haben, und alle anderen haben diese Rechte nicht und das ist meines Erachtens etwas, wo Nachbesserungsbedarf besteht."
Guido Strack war nach dem Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Trier als Jurist zunächst beim Bundeswirtschaftsministerium in Bonn tätig. Von 1995 - 2005 war er Beamter bei der EU-Kommission in Luxemburg. Dort machte er das Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) auf Unregelmäßigkeiten in seiner Dienststelle aufmerksam.
Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst hat Guido Strack im Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsjurist an der Universität Köln den Magister des Wirtschaftsrechts (LL.M. oec.) erworben und beim Friedensbildungswerk Köln eine Ausbildung zum Mediator abgeschlossen. Er setzt sich im Whistleblower-Netzwerk für effektiven Whistleblowerschutz ein.
Moderation: Claudia Schick, Moderatorin, BR, Report München
Studium Romanistik und Politikwissenschaft in Hamburg. 1991 Stipendium des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp). 1992-1993 Volontariat beim NDR. 1994-1999 Reporterin beim RTL Nachtjournal. Seit 1999 Reporterin für die ARD Tagesthemen/Tagesschau. Einige Jahre Moderatorin des "HR-Hessenjournals". Derzeit moderiert sie das ARD-Politmagazin "Report München" und beim HR das Verbrauchermagazin "mex" sowie die "hessenschau kompakt".
Die gesamte Veranstaltung ist auf "ustream.tv" als Video dokumentiert. Fotos: Carl Marciniak.
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Einführung Dr. Elvira Steppacher |
Kontakt
Arbeitet seit April 2008 dem Vorstand des ifp zu, beim ifp seit Frühjahr 2007. Studium der Kunstgeschichte in München. Hat vier Jahre in Polen gelebt und als Korrektorin für Deutsch gearbeitet.
Rufnummer: 089-549103-10
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