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Traumatisierte Journalisten sind "keine Weicheier"
Reporter und Therapeuten sprechen bei ifp-Spezialseminar in Münster über Krisenjournalismus
Text: Joseph Röhmel, Stipendiatenjahrgang 2009
Fotos: Hendrik Maaßen, Stipendiatenjahrgang 2009
Münster - Reporter sind bei Unfällen, Naturkatastrophen oder Kriegen vor Ort: Was in diesen Ausnahmezuständen in Journalisten vorgeht und wie sie verantwortungsvoll darüber berichten können, haben Stipendiaten und Volontäre des ifp bei einem Infowochenende zum Thema "Trauma und Journalismus" in Münster erfahren. In Vorträgen und Rollenspielen gaben Reporter, Therapeuten und ein Notfallseelsorger Einblick in die Praxis.
"Nach Haiti war es schön, auch wieder über alltägliche Themen berichten zu können, wie etwa übers Wetter", sagte Rupert Waldmüller. Eigentlich ist er Korrespondent des Bayerischen Rundfunks im Allgäu. Im Januar wurde er nach dem Erdbeben auf Haiti unerwartet zum Krisenreporter. Die im Allgäu ansässige Hilfsorganisation humedica nahm den 30-jährigen Journalisten mit. Von einem Tag auf den anderen berichtete Rupert Waldmüller nicht mehr über das Wetter im Allgäu, sondern von Toten, Verletzten und Obdachlosen in einem zerstörten Land. 217.366 Menschen kamen ums Leben, 300.572 wurden verletzt, 511.405 wurden obdachlos.
Für Rupert Waldmüller war es eine neue Erfahrung. Thomas Goerger hingegen ist häufig vor Ort, wenn nach Naturkatastrophen Leichen geborgen werden, Menschen um die Toten trauern oder ihr Hab und Gut verloren haben. Es sei wichtig in solchen Situationen nicht abzustumpfen, sagte Thomas Goerger, der häufig für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) arbeitet. Nach Einsätzen habe er inzwischen die Möglichkeit, die erschütternden Bilder bei einer Supervision des WDR aufzuarbeiten. Auch sei es wichtig, von den Kollegen in der Heimat Anerkennung zu bekommen, dass "da jemand ist, der für uns den Kopf hinhält".
Nicht auf Kirsensituationen vorbereitet
Über Einsätze sprechen, ein Lob bekommen - das ist nicht in jeder Redaktion die Regel. "Viele Journalisten sprechen im Kollegenkreis nicht über ihre Erlebnisse, weil sie fürchten, als Weicheier zu gelten", sagte die Traumatherapeutin Fee Rojas. "Das ändert sich aber immer mehr."
Die Journalistin Petra Tabeling sprach sich dafür aus, das Thema Trauma und Journalismus bereits Nachwuchsreportern nahe zu bringen. Trotz ihres hervorragenden Volontariats beim deutschen Auslandsrundfunk, der Deutschen Welle, sei sie überhaupt nicht auf Krisensituationen und die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse vorbereitet worden. Inzwischen koordiniert Tabeling in Köln die deutsche Sektion des "Dart Centre für Journalismus und Trauma". Es klärt Journalisten auf, wie sie mit traumatischen Erlebnissen umgehen können. Zudem will es "sachkundige Berichterstattung über Tragödien" fördern.
Anwalt der Betroffenen
Einen sensiblen Umgang mit Betroffenen vermisst Manfred Uthe, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Münsterland, immer wieder. "Die Betroffenen erleben ihre Situation, kurz nachdem ein Unglück passiert ist, als unnormal", sagte er. "Hier Interviews zu führen halte ich für gnadenlos." Deshalb verstehe er sich als "Anwalt der Betroffenen".
Mangelnden Respekt der Reporter gegenüber den Opfern erlebt auch Stefan Wittke, heute Sprecher der Polizeidirektion Hannover, früher Polizeireporter der Hannoverschen Allgemeinen, regelmäßig. Besonders erinnert er sich an den Tag, an dem sich der Fußballtorhüter Robert Enke an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese das Leben nahm. Stefan Wittke sagte, Kamerateams hätten sich am Unglücksort befunden, als Enkes Frau Teresa um ihren Mann trauerte. Diese Bilder seien später ausgestrahlt worden. Ein Privatsender habe die Bilder sogar untertitelt, damit jedes Wort der trauernden Frau verstanden werden konnte. Ein angemessener journalistischer Umgang mit Betroffenen sieht anders aus.
Das Spezialseminar begann mit einem Gespräch mit dem Münsteraner Generalvikar Norbert Kleyboldt und einer Führung durch das Freilichtmuseum Mühlenhof. Zudem gehörte ein einführender wissenschaftlicher Vortrag von Dr. Claudia Catani zum Programm, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld, Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie.
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